Wie aus einem Brand ein Chemie-Einsatz wird …

Dekonplatz mit Umkleidezelt.

Da wegen des Brückentags am Freitag die Ausbildungen der FF pausieren, freut man sich auf ein freies Wochenende und beschließt, die Tage so richtig zu genießen. Für heute ist ein “vegetarischer Abend” geplant: Steif wie ein Broccoli vor dem Fernseher sitzen. Völlig unsportlich, vermutlich politisch unkorrekt und am Zeitgeist vorbei … aber herrlich erholsam.

Beim Herrichten der Knabbereien kommt was kommen musste: Ein Einsatz. Gemeldet ist ein Brand in einer Fabrik (Wie bitte? Das ist doch mitten in der Stadt, da ist doch keine Fabrik?). Beim Eintreffen der ersten Einheiten schlagen Flammen aus dem Dach einer eingeschossigen Halle, angebaut an dem von der Straße aus vollkommen unscheinbar aussehendem Wohnhaus. Nähere Angaben zu dem Betrieb sind nicht verfügbar. Das Feuer droht auf das mehrgeschossige Wohngebäude überzugreifen, und sofort werden, parallel zum Aufbau eines Löschangriffs, beide angrenzenden Gebäude geräumt. Ebenfalls wird die Alarmstufe erhöht, es wird eine Einsatzeinheit einer Hilfsorganisation alarmiert, und der örtliche Energieversorger (Gas, Wasser, Strom) wird schnellstmöglich zur Einsatzstelle beordert. Der Einsatzleiter macht seinen Job wirklich gut ….

Inzwischen sind auch wir mit unserem zweiten LF eingetroffen, und sollen einen Sicherheitstrupp stellen. Als wir auf dem Weg zur Einsatzstelle sind, werden Säure- und Laugebehälter von einem vorgehenden Trupp gemeldet. Meinem Zugführer biete ich daraufhin meine Hilfe an, falls gewünscht (“.. wenn ihr ´nen Chemiker brauchen könnt, einfach melden.”). Der Einsatzleiter kann, und ich übergebe mein PA und die Maske, die ich gerade anlegen wollte, einem Kameraden. Beim Einsatzleiter gibt es erste Informationen zu den gelagerten Stoffen und Mengen, leider aber nur sehr ungenaue. Unterlagen vom Unternehmen sind nicht verfügbar, und zwei anwesende Mitarbeiter sind zwar bemüht zu helfen, können aber nur grobe Angaben machen.

Weitere Erkundungen durch vorgehende Trupps ergeben vorerst keine vom Brand betroffenen oder beschädigten Gebinde. Die Befragung der Mitarbeiter wird fortgesetzt, und durch möglichst gezielte Fragen versuche ich, etwas genauere Informationen zu bekommen. Bei der Abfrage nach verschiedenen Lagerbehältern und Gebindearten sowie nach der eigentlichen Produktion kommt heraus, dass in der Halle mehrere offene Tauchbecken mit verschiedenen Inhalten vorhanden sind. Auch hierzu können keine genaueren Angaben gemacht werden. Inzwischen verspüre ich auch ein durchaus bekanntes leichtes Kribbeln in der Nase, welches aber irgendwie nicht so recht mit den genannten Stoffen übereinstimmen will (rein subjektiv). Ein weiterer eingetroffener Mitarbeiter erweitert die Stoffliste um Salzsäure, die sich (in unbekannter Konzentration) auch in einem der Becken befinden soll. Na, das passt jetzt auch zum “Nasengefühl” …

Umgehend werden mit dem Einsatzleiter mögliche Gefahren und weitere Maßnahmen abgesprochen. Der Hallen- bzw. Produktionsbereich ist aufgrund von Teileinstürzen und weiterer Einsturzgefahr nicht mehr betretbar. Immerhin ist das Feuer seit einiger Zeit “schwarz”. Da eine Brandbeaufschlagung oder eine Beschädigung von Behältern und Becken inzwischen ebensowenig ausgeschlossen werden können wie Reaktionen von Chemikalien untereinander, mit Löschwasser oder auch herabstürzenden Teilen, wird auf eine Chemie-Lage umgeschaltet. Der Absperrbereich, der nur unter PA betreten werden soll, wird erweitert, mögliche Säuredämpfe werden mit Wassernebel niedergeschlagen, Behälter werden mit Wärmebildkameras kontrolliert und erste einfache Messungen zur Orientierung eingeleitet. Über Lautsprecherdurchsagen werden die Anwohner aufgefordert, Fenster und Türen geschlossen zu halten, und Mess- und Dekoneinheiten sind auch schon unterwegs zur Einsatzstelle, ebenso wie der Pressesprecher der Feuerwehr. Arbeiten und Erkundungen im Betriebsgebäude werden nur noch unter CSA durchgeführt. Über TUIS und andere Stellen wird außerdem vorsorglich ermittelt, wo im Bedarfsfall Harnstoff als Puffersubstanz bezogen werden kann (eine der Säuren ist Salpetersäure in unbekannter Konzentration, deren Zersetzung – bei welcher sich nitrose Gase bilden – durch Harnstoffzugabe gestoppt werden kann). Später stellt eine ortsansässige Hochschuleinrichtung unbürokratisch und zeitnah eine ausreichende Menge zur Verfügung (gebraucht wird der Stoff dann aber zum Glück nicht).

Die Zusammenarbeit mit den (auch überörtlichen) Messeinheiten klappt hervorragend, ebenso wie die Zusammenarbeit der Kräfte von verschiedenen Einheiten untereinander. Zwischenzeitlich sind auch weitere Mitarbeiter und Verantwortliche der betroffenen Firma vor Ort, und es werden genauere Informationen zusammengestellt und gesammelt. Erstmals sind Angaben über die Konzentrationen der verwendeten Säuren verfügbar (bis auf eine Ausnahme nur relativ verdünnt), was bei den inzwischen mindestens vier anwesenden Chemikern eine gewissen Erleichterung hervorruft.

Die CSA-Trupps schleppen an ihren Anzügen teilweise einen deutlich sauren ph-Wert mit unter die Dusche des Dekon-Platzes, was die Entscheidung für die getroffenen und umgesetzten Maßnahmen bestätigt. Das Niederschlagswasser am Gebäudezugang bleibt im neutralen Bereich, und alle Messungen in der Umgebung können keinerlei Gefährdung feststellen. Zur Beurteilung der weiteren Gefahrenlage wird die Produktionshalle von einer Drehleiter aus begutachtet. Da fast das komplette Dach fehlt, können von hier zum größten Teil die einzelnen Becken und deren Füllstände (und in einigen Fällen sogar die Färbung des Inhalts) ermittelt werden. Da von der Einsatzstelle keine weitere unmittelbare Gefahr ausgeht, wird sie der Polizei und einer Fachfirma übergeben.

Wir bauen also alles zurück und fahren einige Zeit später wieder ein. Hier heißt es nochmal anpacken, um alle Gerätschaften und Fahrzeuge wie gewohnt einsatzbereit zu machen. Als das geschafft ist, möchte die große Mehrheit nur noch ins kuschelige Bett (immerhin ist es inzwischen früh am nächsten Morgen!), und nur ein paar wenige Hungrige gönnen sich noch eine Gulasch- oder Erbsensuppe (beide lecker, danke!).

Alles in allem geht ein Einsatz zu Ende, der als dramatischer klassischer Brandeinsatz begann, und sich urplötzlich in einen Chemie-Einsatz mitten in einem dicht besiedelten Innenstadtbereich wandelte – sowas wünscht man sich nicht wirklich! Die beteiligten Einsatzkräfte bekamen diesen Schwenk sehr gut hin, nicht zuletzt dank der Umsicht und frühzeitigen Weichenstellungen des Einsatzleiters und der ruhigen geordneten Zusammenarbeit.

Anekdote am Rande:

Wenn die Nase zum Detektor wird

Wie schon im Beitrag oben erwähnt, befanden sich einige Chemiker an der Einsatzstelle. Zwei Angehörige dieser Spezies waren in die Messleitung eingebunden, und zwei standen dem Einsatzleiter zur unmittelbaren Verfügung.

Nachdem man schon eine gewisse Zeit den möglicherweise freigesetzten Schadstoffen nachspürte, bemerkte einer der Mess-Chemiker ausgerechnet am Rande des Absperrbereichs, in der Nähe des ELW, im Vorbeilaufen einen ungewöhnlichen Geruch: “Ich meine, da in dem Bereich riecht es ein bisschen nach Chlor …. riecht doch auch mal, wenn ihr da gleich vorbeigeht.”

Auf dem Weg zur sensorischen Kontrolle einer Aromaextraktion fiel uns beiden Verfügungs-Chemikern nichts ungewöhnliches auf, also sind wir erstmal weiter dem Kaffeeduft gefolgt. ;-)

Mit dem heißen Getränk auf dem Rückweg erfolgte neben dem ELW ein abruptes Bremsmanöver:
“Doch, jetzt rieche ich auch was!”
“Ja, stimmt, ich auch. Riecht aber nicht nach Chlor …”
“… nee, eher nitrös.”
(Zur Erinnerung: Salpetersäure unbekannter Konzentration war an der Einsatzstelle vorhanden, und die Befürchtung, diese könne anfangen sich zu zersetzen, stand noch im Raum.)

Durch mehrmaliges Durchkreuzen des Bereichs wurde die Ausdehnung des Geruchs bestimmt, und unser Mess-Chemiker von gerade gesellte sich zu uns: “Hier ist doch was, oder?”
“Ja, aber riecht eher nitrös.”
*schnüffel* “Stimmt, jetzt eher nitrös.”
Wir verstreuten uns ein bisschen, um die Geruchsquelle und -richtung evtl. ausmachen zu können. Wieder beim ELW eingetroffen, war der Geruch verschwunden. Unter allgemeinem Schulterzucken ging man zur “Tagesordnung” über.

Kurz darauf fand eine Einsatzbesprechung am ELW statt, und der Geruch war wieder wahrnehmbar. Auch der zweite Mess-Chemiker stellte diesen nun naserümpfend fest, und verlegte die Besprechung um ein paar Meter. Nach Beendigung der Zusammenkunft schnüffelten sich alle vier Chemiker durch den Bereich:
“Riecht nitrös.”
“Ja, aber nur von hier bis da …”
“Seltsam. Schon mal gemessen?”
“Unterhalb der Nachweisgrenze.”
“Und wenn die drinnen was feststellen, geben die sofort Bescheid …”
“… ist aber bisher nichts.”
“… und ist außerdem ein gutes Stück weit weg.”
“Komisch …”

Man versammelte sich hinter dem ELW, schaute sich relativ ratlos an, und überlegte wie man a) aus dieser Kiste wieder rauskommt, und b) wie man es dem Einsatzleiter offenbaren sollte. Plötzlich große Augen bei unserem ersten Mess-Chemiker, dessen Blick auf das Auspuffrohr des (sehr sehr neuen) ELW fiel: “Läuft der eigentlich?” Eine kurze Kontrolle ergab, dass der Motor des Wagens (natürlich) lief.
Dem Auspuff wurden vier verächtliche Blicke zugeworfen, man schaute sich nochmal kurz an, nickte knapp, und jeder ging wieder seinen Aufgaben nach (nicht ohne den Ausdruck “Schei##technik” auf der Stirn ….).

Dieses kleine Intermezzo mit überempfindlichen Nasen hat ja wohl hoffentlich sonst keiner mitbekommen, oder …. ? ;-)

2 Antworten

  1. Schöner Bericht! :)

  2. … bedankt. :-)

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